Die Macht der Bilder

von Manfred Hirt

Tag für Tag sind wir Menschen einer Flut von optischen Reizen ausgeliefert. In der Fußgängerzone, im Supermarkt, im Internet und Fernsehen; überall wuselt es bunt auf uns ein. Wir werden beeinflusst, ob wir wollen oder nicht, fühlen uns angesprochen oder abgestoßen. Nicht immer folgt hierauf eine Handlung, manchmal verändert sich auch nur unsere Stimmung. Die Wirkung von Farben auf die Psyche des Menschen ist hinlänglich bekannt.   

Die Einfallstore für optische Informationen sind unsere Augen. Wir sehen, verarbeiten, interpretieren und folgern aus diesen Impulsen. Wir fühlen uns automatisch in die Szene hinein, fügen unsere Gedanken hinzu und reagieren darauf, oft auch unbewusst. Wir fühlen uns angesprochen oder abgestoßen, je nach innerer Einstellung und persönlichem, momentanem Empfinden.

Die Werbung nutzt die stimmungsbildende Wirkung von Bildern gezielt aus, um unsere Zuneigung zu gewinnen. Je wohler wir uns fühlen, je mehr uns die Abbildung anspricht und ausgewogen stimmt, desto leichter sind wir zu beeinflussen.

Dabei sind diejenigen Bilder am wirkungsvollsten, die mit minimalen Inhalten eine maximale Aussage erzeugen; Bilder also, die schnell erfasst werden und uns quasi persönlich ansprechen. Sie sollen uns in die vom Anbieter gewünschte Stimmung versetzen. Die Entscheidung soll uns so leicht wie möglich gemacht werden, manchmal auch sehr spontan.

Auch wir Fotografen können uns diese Wirkung zu Nutze machen.

Bei Wettbewerben setzen sich jene Bilder durch, die von den Juroren binnen Sekunden erfasst werden, eine nachhaltige Faszination ausüben und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei Ausstellungen ist zu beobachten, dass der Betrachter langsamen Schrittes an den ausgestellten Bildern entlangschlendert und sie, eines nach dem anderen, optisch abstreift. Hierbei erfasst er binnen Sekunden, ob ihn das auf dem Bild dargestellte Motiv anspricht oder nicht. Im besten Fall bleibt er stehen und denkt sich weiter in das Bild hinein. Er erinnert sich möglicherweise an eigene Erlebnisse oder Ziele. Läuft er jedoch weiter, muss es nicht zwangsläufig bedeuten, dass das Bild fotografisch schlecht ist. Es hat ihn eben nicht berührt, nicht angesprochen.

Natürlich kennen wir in der Regel die Interessen unserer Zuschauer oder der Juroren nicht. Nur eines ist sicher, das Bild muss prägnant, auf die wesentliche Bildaussage konzentriert und technisch sauber gearbeitet sein. Nur so hat es überhaupt eine Chance näher beachtet zu werden.

Das Angebot spektakulärer Bilder im Fernsehen und Internet ist scheinbar übermächtig. Allerdings sind die Eindrücke dort sehr flüchtig und fast schon zu vielfältig. Manch einem mag genau dieser Überfluss an Reizen zu viel sein. Vielleicht auch gerade deshalb „flüchtet“ sich unser Gast gerne zu unseren Veranstaltungen. Audio-Visions-Schauen und Fotoausstellungen bieten das stehende Bild, das es möglich macht, sich darin hinein zu denken und zu träumen.

Und mit etwas Glück bekommen wir einen Preis dafür, oder noch besser, ein persönliches Lob von einem Besucher.


Manfred Hirt